fritz letsch: Theater der Unterdrückten: Lernen von der „3. Welt“

Unsere weitgehende Unfähigkeit zum echten Dialog zeigt sich in unserer Sucht zum Helfen,
in unserem schlechten Gewissen, in unserer kulturellen Arroganz.

Im Münchner Dialog ’94 forderte uns Paulo Freire (1) auf, dieses schlechte Gewissen abzulegen, uns frei zu machen zu einem wirklichen Dialog. Diese erschreckend einfache Sprache, diese Klarheiten von Positionen und Denken sind von einem Kontinent zu lernen, der mit seiner Verschuldung und seinem politischen Umbruch in weit größeren Problemen steckt, als wir sie uns in unserer Privilegien-Welt vorstellen können, auf dem die Menschen wohl aber mehr Fähigkeiten zeigen, damit umzugehen, als wir das derzeit tun.

Und doch können wir guten Gewissens davon profitieren: Indem wir lernen, den Gedanken der Befreiung nachzugehen, die in gleichberechtigter Begegnung liegt. Was für die Einen erst mit der Theologie der Befreiung klar geworden ist, hat für die Pädagogik Paulo Freire schon früher in seiner „Pädagogik der Unterdrückten (2)“ festgehalten:

Der Abschied von einer Belehrung von oben herab, von entfremdenden Autoritäts­verhält­nissen, und zu einem gegenseitigen gemeinsamen Lernen. Augusto Boal hat diese Methoden in die Theaterarbeit übersetzt, indem er von der Brecht-Tradition, die er vorher im Theater in die brasilianische Wirklichkeit übertragen hatte, auch politisch anwandte (3).

So entstand im brasilianischen Aufbruch der 60er Jahre die Verwandlung von Agit-Prop zu simultaner Regie, in der die Zuschauenden im Gespräch mit einem Spielleiter das Stück der Schauspieler verändern konnten. Auf den Impuls einer sehr beeindruckenden Frau (4) entwickelte Boal daraus das Forum-Theater, wie wir es heute regelmässig auch für unsere Themen verwenden.

Dabei wird dem Publikum eine Szene vorgestellt, die es in der zweiten Phase verändern kann, indem jemand aus dem Publikum die Rolle der unterdrückten Person in der Szene übernimmt und zu einem anderen Ende bringt.

Die Anwendung von Theatermethoden in der Erwachsenen-Alfabetisierung in verschiedenen südamerikanischen Ländern brachte eine Weiterentwicklung zu entsprechenden Techniken: Statuen- und Bilder-Theater machen eine Situation in ähnlichen Schritten durchsichtig, wie die Silben-Arbeit bei Freire’s Wort- und Schreib-Lern-Technik.

Zentral ist bei beiden Freunden der Ansatz an den Themen der Teilnehmenden, die jeweils den Inhalt des gemeinsamen Lernens prägen. Entsprechend geht es bei unserer Arbeit um die europäischen Modelle der Unterdrückung: Sie findet bei uns weniger offensichtlich, aber weit hinterhältiger in Erziehung, Tabuisierung und Psyche statt.

Nach Verhaftung und Folter im Verlauf des brasilianischen Militärputsch entwickelte Boal im europäischen Exil seinen Ansatz vom „Polizisten im Kopf“, dem er mit einem Zentrum zur Heilung von Autoritäts- und Erziehungsschäden begegnen wollte. In der Fortbildung von SchauspielerInnen, Theater- und Sozialpädagogen sowie Erwachsenen-BildnerInnen kam der „Regenbogen der Wünsche“ dazu, der inzwischen zu einer ausgefeilten Technik der Vertiefung gesellschaftlicher Themen für das Theater entwickelt wurde.

Dieser Ansatz ist – im Gegensatz zu Psychodrama als therapeutischer Arbeit am Einzelnen und in der Gruppe – breit auf die gemeinsamen politischen Hintergründe ausgerichtet und kann Gespräche in Gang bringen, wie wir sie in unserer verkorksten Diskussionskultur nicht mehr kennen.

Ein Entsprechendes verwendet Boal nun in seiner neuen brasilianischen Zeit in Rio: Nach den einladenden Versprechungen bekam seine Gruppe dort lange keine ausreichende Unterstützung, bis sie in den Wahlkampf der Arbeiterpartei eingriffen. Was zuerst zur Durchsetzung von Räumen und Finanzen gedacht war, endete mit der Kandidatur und einem Wahlsieg Augusto Boals zum Ratsherrn der Millionenstadt Rio de Janeiro, als der er 25 Personen anstellen konnte, mit denen er nun seine neueste Theaterform entwirft:

Das Legislative Theater geht mit den Fragestellungen des Rathauses in die Wohnviertel, diskutiert mit Theatermethoden und bringt die Ergebnisse der Dialoge in Gesetzgebung und Verwaltung zurück.

Aufgrund der elementaren Sprache des Theaters ist das auch mit Straßenkindern und Prostituierten möglich, sogar mit anderen Ratsherren, denen Augusto auf den (typisch brasilianischen) Vorwurf, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, auch den ‚Leibhaftigen‘ ins Rathaus mitbrachte.

Zu unseren europäischen Fortbildungen bringt er vor allem sein analytisches Denken mit, das auch in etliche Literatur gefaßt wurde, wovon leider noch wenig in deutscher Sprache, mehr in französisch und englisch erschienen ist.

Die Anwendung der Methoden des Theater der Unterdrückten in der Erwachsenenbildung hat Simone Neuroth5 zusammengefaßt, für die Arbeit an Schulen hat die Arbeitsstelle Weltbilder zusammen mit der Schweizerischen Schulstelle der Arbeitsgemeinschaft Swissaid in Bern ein Heft „Spielräume“ herausgebracht.

Regelmässige Fortbildungen gibt es beim entwicklungsdienst theater – methoden in der Paulo-Freire-Gesellschaft (6), im Institut für Jugendarbeit des Bayrischen Jugendrings in Gauting und bei KollegInnen in Hamburg und Mainz. Für Mitarbeiterinnen im Jugendbereich und im Sozialwesen haben wir die Fortbildung stop!tabu entwickelt, LehrerInnenfortbildungen sind in Vorbereitung.

Bei der Linzer Friedenswoche ’95 wurde Boal in eine Reihe mit Mikis Theodorakis und Ernesto Cardenal gestellt. Damit er für die Bewußtseinsbildung auch an unseren Schulen und bei unseren Bildungsträgern tatsächlich eine entsprechende Signalwirkung bekommt, braucht es noch mehr mutige PädagogInnen, die den Einstieg in den gleichberechtigten Dialog wagen und den Mut zur Freiheit einer echten Partnerschaft mit den Lernenden eingehen. Das löst nicht den Beruf auf, sondern die Berufskrankheiten.

1 Paulo Freire entwickelte in Brasilien in den 60er Jahren die Pädagogik der Unterdrückten, dioe er später mit einer Pädagogik der Befreiung und nun mit einer Pädagogik der Hoffnung weiterführte. Letztere ist in deutscher Sprache noch nicht erschienen

2 Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten, Bildung als Praxis der Freiheit, rororo TB 6830

3 Augusto Boal: Theater der Unterdrückten, Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler, suhrkamp-TB Neue Folge Frankfurt/M

4 Boal hat dazu eine sehr anschauliche Erzählung einer peruanischen Betrugsgeschichte, in der seine Gruppe sehr handgreiflich lernte.

5 Simone Neuroth: Augusto Boal’s „Theater der Unterdrückten“ in der pädagogischen Praxis, Deutscher Studien Verlag Weinheim 1994

6 Zeitschrift für befreiende Pädagogik, Paulo-Freire-Gesellschaft,

Advertisements