Kelkheim (ju) – Ein Stuhl kippt, ein Satz fällt wie ein Schlag in den Raum. „Lass mich in Ruhe“, sagt das Kind in der Mitte leise. Die anderen lachen. Für einen Moment ist es still im Klassenzimmer der Anne-Frank-Schule in Kelkheim – so still, dass man spürt, wie nah diese Szene der Wirklichkeit kommt. Es ist kein Unterricht, kein echtes Mobbing. Es ist Theater. Und doch fühlt es sich für alle Beteiligten erschreckend real an.
Das People’s Theater ist zu Gast an der Schule und arbeitet mit den Schülerinnen und Schülern an genau diesen Momenten: an Ausgrenzung, Mobbing, Freundschaft, Mut und Zivilcourage. In kurzen Spielszenen schlüpfen die Kinder selbst in verschiedene Rollen – Täter, Mitläufer, Betroffene. Sie erleben am eigenen Körper, wie Worte verletzen können und was es bedeutet, Tag für Tag Beleidigungen und Erniedrigungen ausgesetzt zu sein. Theater wird hier zum Erfahrungsraum – und zur Einladung, hinzusehen und einzugreifen.
Erleben statt belehren
Die Intention des People’s Theater ist klar: nicht belehren, sondern erlebbar machen. Die Kinder sollen nicht gesagt bekommen, was richtig oder falsch ist – sie sollen es selbst erfahren. Szenen werden angehalten, gemeinsam reflektiert und neu gespielt. Die Schülerinnen und Schüler dürfen eingreifen, Rollen tauschen und eigene Lösungsideen ausprobieren.
So entsteht ein geschützter Raum, in dem Unsicherheiten erlaubt sind und Mut wachsen kann. „Ich fand es toll, meine Schulkameraden zu erleben und zu sehen, dass sie ihr Verhalten ändern können“, fasst Lara am Ende zusammen. „Wir hatten viel Beef in der Klasse, aber das ‚Spielen‘ hat uns wieder zusammengebracht und das macht mich froh.“
Der Perspektivwechsel ist für viele Jungen und Mädchen in diesen vier Schulstunden, in denen das People‘s Theater mit ihnen arbeitete, ein Schlüsselmoment. Wer sonst vielleicht mitlacht, spürt plötzlich, wie schwer Schweigen wiegt. Wer sich allein fühlt, erlebt Unterstützung – zumindest auf der „Bühne“, aber mit Wirkung über den Workshop hinaus.
Die Kinder haben ihre Erfahrungen auch auf den Schulhof getragen, weiß Schulleiterin Ester Bernard und ist froh um die positiven Nebeneffekte. „Wir haben hier an der Anne-Frank-Schule zum Glück kein Gewaltproblem oder ähnliches, weil wir direkt auf die Schüler eingehen, aber nichtsdestotrotz bietet der Workshop den Kindern die Möglichkeit zu erleben, wie sie durch eigenes Zutun Situationen verändern können.“
Das ist nicht nur positiv für den Schulalltag, sondern wirkt sich auch auf das weitere Leben der Teenager aus. „Viele Kinder nehmen neue Gedanken mit: mehr Aufmerksamkeit füreinander, mehr Sensibilität für Sprache und ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass jede und jeder Verantwortung trägt“, fast es die Schulleiterin zusammen. Das bestätigen auch die beiden Lehrer Joachim Lotz und Larissa Diehl, die die Schüler im Workshop begleiteten.
„Einige sind regelrecht über sich hinausgewachsen, haben ihre Unsicherheiten abgelegt und Seiten gezeigt, die wir noch nicht an ihnen kannten“, so Lotz. Die Pädagogen haben schon viele Konzepte und Projekte erlebt, die sich mit den Themen beschäftigen, aber nichts konnte wirklich überzeugen. „Bei vielen werden Filme gezeigt und danach darüber geredet, so in der Art von ‚Wie würdest du dich fühlen, wenn …?‘, was an der Lebensrealität vorbeigeht. Das Theater hat den richtigen Ansatz und deswegen waren wir davon überzeugt“, so Lotz und Diehl.
Eine bewusste Entscheidung für die Kinder
Möglich gemacht wurde der Workshop durch die finanzielle Unterstützung des Lions Club Kelkheim. Der Club war auf der Suche nach einem Projekt, mit dem er die Anne-Frank-Schule gezielt unterstützen konnte. Dass man dabei auf das People’s Theater stieß, war ein glücklicher Zufall – und erwies sich schnell als genau die richtige Entscheidung.
„Uns war wichtig, etwas zu fördern, das die Kinder nachhaltig stärkt“, erklärt Gaby Reise vom Lions Club. „Das People’s Theater gibt ihnen Werkzeuge an die Hand, die sie im Schulalltag und darüber hinaus brauchen.“
Mehr als Bühne: Theater als interaktive Erfahrung
Das People’s Theater ist ein sozialer Verein mit Sitz in Offenbach, der seit mehr als zwei Jahrzehnten interaktive Theaterprojekte in Schulen und Gemeinschaften durchführt. Dabei steht nicht die traditionelle Aufführung im Vordergrund, sondern eine aktive Teilhabe des Publikums: Konflikte werden auf der Bühne dargestellt, dann angehalten – und gemeinsam mit den Teilnehmenden analysiert.
Im Zentrum steht eine Methode, die eng an das Theater der Unterdrückten von Augusto Boal angelehnt ist: Das Publikum wird hier nicht als Zuschauer, sondern als Mitwirkender gesehen, der Szenen verändert, Perspektiven übernimmt und alternative Handlungswege ausprobiert.
Mitdenken, mitbewegen: Wie das praktisch aussieht
Ganz praktisch läuft die Arbeit des People’s Theater auch an der Anne-Frank-Schule so ab: Die Kids haben eine sogenannte Aufwärmrunde, der Rhythmus der Gruppe wird gefunden, Regeln festgelegt, wie zum Beispiel „lieb zueinander sein“, „leise sein“, „aufeinander aufpassen“ und dann kann es schon losgehen: Ein Konflikt wird zunächst auf der „Bühne“ gezeigt – nah an der Lebenswelt der Kinder: ein Kind versteht die Matheaufgaben nicht, ein anderes wird bedrängt, die Freundin hängen zu lassen.
Die Szene wird angehalten und gemeinsam besprochen. Wie fühlen sich die Figuren? Warum handeln sie so? Und was könnte helfen? Die Schülerinnen und Schüler dürfen selbst eingreifen, Rollen übernehmen und eigene Ideen ausprobieren. Aus Zuschauen wird Mitmachen.
Begleitet werden sie dabei von jungen Erwachsenen, die sich beim People’s Theater freiwillig engagieren und zu Theaterpädagoginnen und -pädagogen ausgebildet werden. Über einen Zeitraum von meist zwölf bis 18 Monaten leben sie gemeinsam, lernen theaterpädagogische Methoden und setzen diese direkt in der Praxis um. Für die Kinder sind sie wichtige Bezugspersonen auf Augenhöhe, die zuhören, Sicherheit geben und Mut machen.
So werden Auseinandersetzungen nicht nur besprochen, sondern gemeinsam erlebt und verändert. Empathie, Kommunikationsfähigkeit und Teamgeist entstehen dabei ganz selbstverständlich. Für die Freiwilligen selbst ist das Engagement zugleich ein intensiver Lernprozess: Neben Schauspiel und Rhetorik geht es um Soziale Arbeit, Teamarbeit und demokratische Entscheidungsfindung – ein Erfahrungsraum, der weit über das klassische Theater hinausreicht.
Theater, das Mut macht
Am Ende des Workshops bleibt bei den Kindern vor allem eines hängen: „Wir haben viel ausprobiert, erlebt und gespürt“, findet Lara. Die Schülerinnen und Schüler haben gelernt, dass ihre Entscheidungen etwas bewirken können.
So wurde Theater hier zu einem Raum, in dem Mut, Empathie und Zusammenhalt sichtbar werden – und in dem die jungen Menschen erleben konnten, wie es sich anfühlt, Verantwortung zu übernehmen und für andere einzustehen. Und bei Lara hat es noch was ganz anderes ausgelöst. „Ich möchte gern was mit Theater machen, da seh ich mich, das macht mir Spaß“, sprudelt es aus ihr heraus.
So geht die Erfahrung weit über den Klassenraum hinaus: Sie stärkt die Kinder für den Alltag, zeigt Perspektiven auf und macht deutlich, dass jede Handlung zählt.
Die Anne-Frank-Schule in Kelkheim ist eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die im schulischen Alltag besondere Unterstützung benötigen, und bietet ihnen genau den Raum, den sie brauchen: kleine Lerngruppen, individuelle Förderung und gezielte Angebote, die weit über den regulären Unterricht hinausgehen. Ziel ist es nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern auch soziale und emotionale Kompetenzen zu stärken – Selbstvertrauen aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und Gemeinschaft zu erleben.
Ganztagsangebote, Projektwochen und Arbeitsgemeinschaften ermöglichen den Kindern, ihre Stärken zu entdecken und sich kreativ auszuprobieren. Gleichzeitig arbeitet die Schule eng mit externen Partnern zusammen, um zusätzliche Perspektiven zu eröffnen und die Kinder bestmöglich auf ein selbstbestimmtes Leben vorzubereiten.
Die Schule ist damit mehr als ein Ort des Lernens: Sie bietet Kindern, die besondere Förderung benötigen, gezielte Unterstützung, individuelle Förderung und Möglichkeiten, ihre Stärken zu entdecken und soziale Kompetenzen zu entwickeln.
Original und weitere Bilder: Anne-Frank-Schule: Wie interaktives Theater Empathie, Demokratie und soziale Kompetenz stärkt Anne-Frank-Schule | Taunus-Nachrichten

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